Pressebericht

Die Komödie endet tragisch - Polenliebchen

Berner Zeitung BZ, 23.06.2019


Mit dem «Polenliebchen» wird im Kirchgemeindehaus in Langnau ein Klassiker aufgeführt. Einen, der zuletzt etwas in Vergessenheit geraten war, aber immer noch zu Herzen geht. 

 

   Im Polenliebchen müssen die Frauen ohne Männer zurechtkommen.           

 

 

 

Die Hauptprobe vor vollen Rängen ist gelungen.
Bild: Enrique Munoz Garcia

 

 

 

 

Im Rahmen des Bernischen Trachtenfestes wird in Langnau das «Polenliebchen» auf die Bühne gebracht. Dabei hat das Theaterstück nur bedingt etwas mit Trachten zu tun, diese kommen darin nicht vor. Das Stück ist ein lebendiger Ausschnitt aus der Zeit der Mobilmachung und zeigt, wie die Frauen ohne Männer zurechtkommen mussten: im Alltag bei der Arbeit, bei der Feuerwehrübung, beim «Theäterle» im Gemischten Chor und ganz privat, in einsamen Nächten. Es zeigt aber auch die strenge Moral jener Tage: Heimatliebe musste bewiesen werden, und sei es bei der «grossen Wäsche».

Am Samstag wurde im Kirchgemeindehaus vor vollem Saal die Hauptprobe abgehalten.

 

Mehr als ein schönes Kleid

Die geistige Landesverteidigung habe beim Lebensstil begonnen und die Tracht sei ein Ausdruck davon gewesen, sagt Ruedi Spichiger, OK-Präsident des Trachtenfestes. Darum wurden gerade vor Beginn und während des Zweiten Weltkrieges viele Trachtengruppen gegründet. Die Tracht war seit je viel mehr als ein schönes Kleid.

Auch war sie nicht nur Kulturgut, nein sie zu tragen, war ein Bekenntnis zur Heimat. Daher durfte sie, mit kostbarer Ausstattung wie Silberschmuck, Samt und Spitze versehen, auch etwas kosten. Man trug sie ja ein Leben lang und vererbte sie danach weiter. Der Schnitt ist züchtig und wenig körperbetont, Busen und Beine bedeckend — im Gegensatz zum Dirndl. Die Tracht unterstreicht damit die Ehrbarkeit der Trägerin, schafft Distanz.

 

Eine einsame Frau

Zum Vereinsleben der Trachtengruppen gehören Gesang und Tanz sowie gesellige Zusammenkünfte. Zu einem Heimatabend gehört aber ebenso ein vom Verein aufgeführtes Theaterstück. Und dieses muss, wie der vorliegende Fall beweist, nicht immer von Jeremias Gotthelf und Simon Gfeller sein. Das «Polenliebchen» von Paul Steinmann ist zwar ein alter Klassiker unter den beliebten Theaterstücken, ist in letzter Zeit aber etwas in Vergessenheit geraten.

Es stellt auf berührende, sehr menschliche Weise das Leben der einsamen Frauen dar, deren Männer wochenlang im Aktivdienst weilten. Obwohl der Kontakt mit den internierten Polen untersagt war, wurden diese doch zum Arbeitseinsatz aufs Land geschickt. Ihre fröhliche, galante Art liess manches Frauenherz höherschlagen.

 

Leidenschaftliche Theaterleute

Ueli Häni, der Regisseur der Ad-hoc-Theatergruppe der Bernischen Trachtenvereinigung, ist der Meinung, dass nebst Kunsthandwerk, Lied, Tanz und Umzug eine Aufführung absolut zu einem Trachtenfest gehöre. Als Berater des Volkstheaters hat er das «Polenliebchen» ausgewählt und mit Laienschauspielern aus dem ganzen Kanton, die sich vorher nicht kannten, innert dreier Monate einstudiert.

«Es war eine arbeitsintensive Zeit, wir haben dreimal wöchentlich geprobt», erzählt Häni. «Aber da wir alle leidenschaftliche Theaterspieler sind, fiel uns der Einsatz nicht schwer.» Selber spielt er eine der tragenden Rollen, und mit seinen Leuten hatte er das Glück, schauspielerfahrene Darsteller zu finden, die mit Herzblut dabei sind. Als Szenentheater kommt die Aufführung im Kirchgemeindehaus mit bescheidenen Requisiten aus und verzichtet auf Kulissenwechsel.

Man darf sich freuen, auf eine als Komödie beginnende, mit zahlreichen Liedern garnierte und zunehmend tragisch endende Geschichte, die zu Herzen geht.

 

Quelle: Berner Zeitung

Sonntag 23. Juni 2019 14:58

von Gertrud Lehmann, (Berner Zeitung)